Monografie zum Dolmetschen von Jaroslav Stahl

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 Jaroslav Stahl

 Monografie: Was geht im Kopf des Dolmetschers vor?

Čo sa odohráva v hlave tlmočníka?

 

Herausgeber: Verlag IRIS – Vydavateľstvo a tlač, s.r.o., 2013, Bratislava, 120 S.

ISBN 978-80-89238-98-9

 

Das Buch befasst sich mit jenen dem Simultandolmetschen zugrundeliegenden Prozessen und Abläufen im multidisziplinären Kontext unter Berücksichtigung aktueller dolmetschwissenschaftlicher Theorien. Dem Entwurf eines kognitiv-linguistischen Modells des Simultandolmetschens folgen Vorschläge und Tipps für den Dolmetschunterricht in der Ausbildungspraxis.

 

Zusammenfassung

             Gegenstand der vorliegenden Publikation ist Simultandolmetschen bzw. Kabinendolmetschen und eine Betrachtung der bedeutendsten theoretischen Ansätze der letzten vier Jahrzehnte, deren Verwertung und Anwendung in der Praxis der Dolmetschdidaktik sowie der Versuch der Konzipierung eines eigenen SD (weiter Simultandolmetschen) – Modells mit pragmatisch-didaktischen Konsequenzen.

            Das SD ist eine junge Art des Dolmetschens, welche erst später nach dem Zweiten Weltkrieg und (seiner ersten Verwendung in den Nürnberger Prozessen) ihre heutige internationale Bedeutung erlangte. Umso später ist die Erforschung jener dem SD zugrundeliegenden mentalen und kognitiven Prozesse angelaufen. In dem der Untersuchung methodologischer Ansätze gewidmeten Kapitel betrachten wir die relevantesten Ergebnisse diverser Forschungsrichtungen, angefangen mit den ersten Artikeln über SD von Herbert, Paneth oder Gerver und der ersten Phase, an der maßgeblich auch Nichtdolmetscher theoretisch mitwirkten (Oléron und Nanpon über die Phasenverschiebung im SD). Außer des Beitrags von D. Gerver und seinem psychologischen Modell im Rahmen der damaligen „westlichen“ Theorien traten vor allem O. Kade und G. Jäger in den frühen siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit ihrer Kommunikationstheorie (Leipziger Schule) sowie der sowjetische Dolmetschtheoretiker und UNO-Konferenzdolmetscher G. Chernov aufbauend mit einem ebenfalls psycholinguistisch ausgerichteten Ansatz in den Vordergrund. Bekannt wurde er aber vor allem durch die Erweiterung des Antizipationsprinzips im SD (erstmals definiert von I.M. Fejgenberg). Zu den weiteren vom uns untersuchten Theorien gehört die Pariser Schule mit D. Seleskovitch (Théorie du sense) sowie M. Lederer und K. Déjean Le Féal mit dem eindeutig positiven Forschungsbeitrag der Übertragung des Sinns und des Abstrahierens vom Text. Obwohl M. Lederer die Standpunkte von D. Seleskovitch bei der Anwendung der Regeln der Théorie beim SD etwas abschwächte, so wird die Rolle sprachlicher Strukturen beim Dolmetschen erheblich unterschätzt. Eine größere Ausgewogenheit beider Aspekte Sprache und Bedeutung zeigt sich sowohl im damaligen Westen als auch in der Leipziger Schule, in der H. Salevsky als Vertreterin einer ziemlich pragmatisch ausgerichteten linguistischen Theorie aufscheint. In diesem Kontext sind vor allem die Analysen jener den Verarbeitungsprozessen zugrundeliegenden kognitiven Abläufe von F. Klix von Interesse. Als weiteren Fortschritt bei der Betrachtung des Translationsprozesses ist natürlich die Skopostheorie von J.  Vermeer und K. Reiß zu werten, welche vor allem die Dimension des Textempfängers berücksichtigt und das Ziel bzw. den Zweck der Translation – den Skopos als entscheidend für die Art der Translationsausführung hält. Im Rahmen der Forschung werden jedoch auch prozesuelle Aspekte mit steigendem Nachdruck unter die Lupe genommen. Als Beispiel sei D. Gile mit seinem „Effort-Modell“ und die „Triester“ Schule genannt, mit der die Multidisziplinarität der SD-Erforschung stets vertieft wird.

Entscheidende Impulse übernehmen wir jedoch auch von der sogenannten Relevanztheorie und dem kognitiv-pragmatischen Prinzip, das u.a. von R. Setton komplex entwickelt wurde. Das Prinzip der sog. „ostensiven Inferenz“, des Ableitens der zu erwartenden Ausrichtung des Ausgangstextes des Redners aufgrund bestimmter Indikatoren im laufenden sowie vorangegangenen Text ist sehr gut auch auf die Denkweise und Analyse der Simultandolmetscher anzuwenden (Prinzip der Relevanz – Ausgewogenheit zwischen der aus dem laufenden Text gewonnenen Information und der dazu aufgewendeten Energie). Die kognitiv-pragmatischen Aspekte des Settonschen Modells, die logische Darlegung sprachenpaarspezifischer Probleme sowie die Konsequenzen des Effort-Modells von D. Gile bilden die elementaren Bausteine unseres kognitiv-linguistischen SD-Modells. Eine detaillierte Beschreibung des genannten Modells erfolgt in Kapitel 2, während die didaktischen Konsequenzen in Form von Übungsvorschlägen und Problemlösungen (samt der Erläuterung der wichtigsten Dolmetschstrategien) den Inhalt des 3. Kapitels bilden.

In dem obigen Kontext werden auch die gängigsten Dolmetschstrategien und deren Ergebnisse in Form von Antizipation als Prozess sowie Textkondensation, -kompression, Generalisierung, Inferenz, Segmentierung und sonstige textverarbeitende Verfahren dargestellt, welche dann als Gegenstand einzelner Übungsarten und deren Kombination in den Dolmetschunterricht Eingang finden. Den wichtigsten Teil des 3. Kapitels bildet die Beschreibung einzelner Übungsarten samt ihrer Bewertung seitens diverser Autoren und ihrer Eignung für die aktuelle Unterrichtsstruktur. Als umstritten gilt die Anwendung verschiedener Übungen, wie z.B. Shadowing, insbesondere des sog. phonemischen Typs. Argument der Gegner dieser Übungsart ist die Loslösung von jeglichem Sinn, in Form der Wiederholung einer Abfolge von Silben und einem Zeitabstant von wenigen Sekunden. In unserem Konzept schlagen wir entweder Phrasenshadowing vor, bei dem Sätze rasch nachgesprochen werden sollen, bzw. soll das phonemische Shadowing nur ganz wenig eingesetzt werden. Simultandolmetschen ist eine mit Sinnverarbeitung verbundene Tätigkeit, daher soll die Einübung von Nachahmeautomatismen nicht vom eigentlichen Ziel des SD-Unterrichts ablenken. Wir schließen uns also hier der Meinung von I. Kurz an. Vielmehr sollte man auf Übungen des sog. cloze-task Typs ausweichen, bei denen fehlende Textstellen aufgrund der bestehenden Satzglieder ergänzt werden sollen. Diese Übungen sollen in der Muttersprache und besonders der jeweiligen Fremdsprache erfolgen. Vernachlässigt wird auch die Arbeit an der Weiterentwicklung sprachlicher Fertigkeiten in der jeweiligen Muttersprache, was Gegenstand häufiger Kritik gegenwärtiger Unterrichtspläne bei der Dolmetscherausbildung im Allgemeinen ist. Nach der Beschreibung einzelner Unterrichtsmethoden und Übungstypen folgt eine nähere Darlegung der Evaluationsproblematik samt einer Auflistung der gängigsten Bewertungsmethoden bzw. auch ihrer Vor- und Nachteile.

Der letzte Teil des 3. Kapitels ist der Struktur des SD-Unterrichts in Tabellenform gewidmet. Eine präzise Struktur ist natürlich unmöglich, wichtig ist unserer Meinung nach sowohl eine auf die Bedürfnisse der Gruppenmitglieder abgestimmte Gewichtung einzelner Übungen im Zeitablauf der Unterrichtsstunde als auch der jeweiligen Semester, und zwar zur Stimulierung motivatorischer Faktoren und dem Erreichen bestmöglicher Resultate.

            Unser Ziel im didaktischen Kapitel war es nicht, eine vollständige Struktur von Übungstypen und Unterrichtsformen zu präsentieren, sondern nur einen Vorschlag, wie die einzelnen Ziele in ihrer Hierarchie richtig aufgestellt und deren Erfüllung auch erfolgreich geprüft werden könnten.

            Die vorliegende Publikation soll hiermit eine Synthese von Theorie und didaktischer Praxis darstellen, wobei die Theorie nicht nur wegen ihrer selbst, zu Forschungszwecken, sondern auch als Ausgangsbasis und Fundament für deren Verwendung im Unterricht dienen soll.