Makro-, Mikro- und Mediostruktur der Fachwörterbücher

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Makro-, Mikro- und Mediostruktur der Fachwörterbücher
Helgi Andresson, Tartu
 
Fachwörterbücher sind in der Regel Texte mit einer recht ausgeprägten Textstruktur. Nach Th. Roelcke umfasst eine Fachwörterbuchstruktur “im allgemeinen verschiedenartige lexikographische Begleittexte, die Anordnung der Wörterbuchartikel selbst (Makrostruktur), die Anordnung der einzelnen Angaben innerhalb der Artikel (Mikrostruktur) und die Vernetzung der Artikel sowie gegebenenfalls weiterer lexikographischer Begleittexte untereinander (Mediostruktur)” (Roelcke 1999, S. 132). Lexikographische Begleittexte umrahmen den Artikel eines Wörterbuchs, sie können dem Artikel voran- oder hinterhergestellt sein. Als vorangestellte Begleittextsorten erscheinen z.B. Titelei, Widmung, Vorwort, Abkürzungsverzeichnis, Quellen- und Literaturverzeichnis, Inhalts- und Tabellenverzeichnis, Fachbereichvorstellung sowie Benutzungshinweise. Zu den hintergestellten Begleittextsorten gehören unter anderem Tabellen und Verzeichnisse, Tafeln und Abbildungen sowie mehr oder weniger umfangreiche Register.
 
Der Artikelteil eines Fachwörterbuchs besteht aus den einzelnen Wörterbuchartikeln. Die lexikographische Makrostruktur als Anordnungsprinzip regelt die Reihenfolge der Artikelstichwörter. Die makrostrukturelle Ordnung kann alphabetische (semasiologische) oder begriffliche (onomasiologische) Reihenfolge der Stichwörter darstellen. Bei der alphabetischen Reihung sind drei Anordnungskonventionen möglich: glattalphabetische Anordnung - mit jeweils einem Lemma je Absatz, nischenalphabetische Anordnung - mit mehreren Lemmata innerhalb eines Absatzes und nestalphabetische Anordnung - wenn morphologisch zusammengehörige Lexemgruppen zusammenhängend dargestellt werden (vgl. Schlaefer 2002, S. 89-90; Roelcke 1999, S. 133-134).
 
Neben alphabetisch angeordneten Wörterbüchern gibt es Wörterbücher, die nach dem begrifflichen Anordnungsprinzip aufgebaut sind. Bei begrifflichen Makrostrukturen handelt es sich um eine Anordnung von Lemmata, die deren Bedeutungsseite zum Ausgangspunkt nimmt. Fachsprachliche onomasiologische Wörterbücher erfreuen sich einer großen Beliebtheit, denn hier wird der Wortschatz thematisch geordnet. Für Fachwortschatzinventare, die eigentlich in dem Zusammenhang am wichtigsten sind, hat die begriffliche Anordnung sehr große Vorteile. Bereits 1974 hat der Deutsche Industrie-Normenausschuss in seiner Schrift “Deutsche Normen-Fachwörterbücher. Stufen der Ausarbeitung” (DIN 2333) ausdrücklich empfohlen, bei Fachwörterbüchern der thematischen Anordnung des Wortschatzes den Vorzug zu geben (HSK 1991, S. 2922).
Die Häufigkeit der begrifflich angeordneten Fachwörterbücher liegt deutlich unter derjenigen semasiologischer Wörterbücher. Der Grund liegt einfach darin, dass der direkte und rasche Zugriff auf das semantische System eines Fachwortschatzes insbesondere im Bereich zweisprachiger Fachwörterbücher ermöglicht wird.
 
Im Weiteren wird auf die Anordnung des Wortschatzes in mehrsprachigen alphabetischen Fachwörterbüchern eingegangen, weil die Verfasserin des vorliegenden Aufsatzes bei der Erstellung eines viersprachigen Verzeichnisses von Wirtschaftstermini (Majandusteaduse termineid eesti, inglise, saksa ja vene keeles Tartu, 1986), ebenso bei der Erstellung des Wirtschaftswörterbuchs (Wirtschaftswörterbuch Deutsch-Estnisch/ Estnisch-Deutsch, Tartu 1994) und des Rechtswörterbuchs (Rechtswörterbuch Deutsch-Estnisch, Tartu 1998) gewisse Erfahrungen gemacht hat. Die makrostrukturelle Ordnung der Stichworteinheiten kann auch hier alphabetisch oder begrifflich sein.
 
Im oben erwähnten viersprachigen Verzeichnis geht man von der Ausgangssprache (Estnisch) aus, deren Wortschatz alphabetisch angeordnet ist. Die Entsprechungen in den übrigen Sprachen stehen hintereinander (sie können daneben in mehreren Spalten stehen). Der alphabetische Zugriff auf den Wortschatz der Ausgangssprache ist problemlos, für die übrigen Sprachen gibt es hinter dem Hauptteil je ein alphabetisches Register mit Angabe einer Nummer, die jeweils vor dem Stichwort der Ausgangssprache steht. Dieses Verfahren hat sich als sinnvollste Anordnung eines mehrsprachigen Fachwörterbuchs erwiesen.
 
Es ist möglich, den Wortschatz in einem mehrsprachigen Fachwörterbuch auch thematisch zu ordnen. In diesem Fall empfiehlt sich ebenfalls eine Anordnung in mehreren Spalten mit jeweils einer Nummer vor jedem Stichwort. Jede Sprache, einschließlich der Ausgangssprache, ist mit einem Alphabetregister zu versehen. Dies ist in jeder Hinsicht die beste Anordnung des Wortschatzes, da sie die Vorteile der thematischen Darstellung mit dem des raschen Zugriffs über die Alphabetregister ermöglicht.
 
Für die alphabetischen Fachwörterbücher spricht der direkte und rasche Zugriff, für die begrifflichen die Darstellung des Wortschatzes in einem organischen Zusammenhang mit Wortfeldnachbarn, Synonymen, Antonymen, Kollokationen usw. Bei der Beschreibung der Anordnung innerhalb eines Wörterbuchartikels bezieht man sich auf die lexikographische Mikrostruktur eines Wörterbuchs. Ein Wörterbuchartikel als die kleinste selbständige Informationseinheit des Wörterbuchsbesteht aus allen Erläuterungen und Beispielen, die dem Stichwort oder Lemma beigefügt werden. Also bildet das Lemma mit allen zugeordneten Informationen einen Wörterbuchartikel.
 
Aufgrund bestimmter Ordnungssysteme wird die Abfolge der Lemmata geregelt, damit der Wörterbuchbenutzer einzelne Lemmata gezielt aufsuchen kann. Einzelne Wörterbuchartikel bilden inhaltlich geschlossene Abschnitte mit hoher Textkohärenz und Informationsautonomie. Um die zu einem bestimmten Stichwort gesuchten Informationen zu erfassen, reicht es, wenn der Wörterbuchbenutzer den betreffenden Einzelartikel gründlich liest. Er braucht nicht größere Artikelreihen oder das gesamte Wörterbuch zu lesen. Die Kohärenz der Artikel ergibt sich aus der Informationsstruktur und der Textorganisation der Artikel, außerdem wird jeder Artikel durch seine Beziehung auf ein Lemma bestimmt (vgl. Schlaefer 2002, S. 84).
 
Die innerhalb der einzelnen Wörterbuchartikel enthaltenen Angaben werden von Th. Roelcke folgenderweise klassifiziert:
 
Lemmazeichenangabe - das betreffende Stichwort wird angeführt, Informationen zu dessen Schreibung, Aussprache und gegebenenfalls Formbildung erfolgen;
Formbildung - grammatische Informationen zur Flexions- und Wortbildungsmorphologie sowie syntaktische Eigenschaften des betreffenden Fachwortes werden angeführt;
Bedeutungsangabe - eine wichtige Stelle nehmen die Bedeutungsbeschreibungen ein, semantische Erläuterungen sowie Hyperonymen- und Antonymenangaben;
Enzyklopädische Angabe - damit erfolgen sprachunabhängige Sachinformationen zu den betreffenden Gegenständen;
Pragmatische Angabe - dazu gehören Fachbereichsangabe und Textsortenangabe sowie Informationen zur Stilistik des betreffenden Fachwortes;
Dokumentationsangaben - damit wird der Gebrauch des Fachwortes belegt und die gegebenen Informationen überprüfbar gemacht;
(vgl. Roelcke 1999, S. 134-137).
 
 Es wäre zu dieser Klassifikation noch hinzuzufügen, dass die Angabe von Synonymen im Fachwörterbuch tendenziell unterdrückt wird. Die Beispiel- und Belegangaben sind auf ein Minimum beschränkt. Die Fachwörter, die Mehrdeutigkeit und relative Exaktheit aufweisen, bedürfen einer umfangreicheren lexikographischen Beschreibung. In diesen Fällen ist es sinnvoll, diese lexikographischen Bedeutungsangaben durch Angaben zur Abgrenzung gegenüber anderen Bedeutungen zu ergänzen.
 
Im fachlexikographischen Bereich spielt die Vernetzung zwischen den Angaben innerhalb der einzelnen Wörterbuchartikel eine große Rolle. Eine solche Vernetzung erfolgt “entweder durch ein Register, also durch einen lexikographischen Begleittext, oder durch einen Verweis, also eine Angabe, die selbst wiederum zwischen anderen Angaben vermittelt” (Roelcke 1999, S. 137). Vernetzte Beziehungen zwischen Lemmata oder bestimmten Artikelinformationen werden in unterschiedlicher Weise hergestellt.
 
Die Verweise, die Teil der lexikographischen Information sind, werden in artikelinterne und artikelexterne Verweise gegliedert. Artikelinterne Verweise erfolgen innerhalb ein und desselben Artikels, dagegen artikelexterne Verweise zwischen verschiedenen Artikeln erfolgen. Die Gesamtsumme von artikelinternen und artikelexternen Verweisen bildet im Rahmen von Fachwörterbüchern fachlexikographische Mediostruktur. Also beschreibt die Mediostruktur lexikographischer Werke die in einem Wörterbuch realisierten Verweisungsbeziehungen.
 
Die Angaben, die die Mediostruktur bilden, lassen sich folgenderweise klassifizieren:
Erläuterungswortschatz der Bedeutungsbeschreibungen (dieser Angabenklasse entspricht der onomasiologische Verweis);
Die entsprechenden Sachinformationen (es handelt sich um einen enzyklopädischen Verweis);
Bestandteile von Phrasemen bzw. Mehrworttermini (Teillemmazeichenverweis);
Synonyme, Hyperonyme, Antonyme (bedeutungsrelationaler Verweis);
Metaphern und andere Übertragungen (Assoziationsverweis);
Fach- und Verwendungsbereiche (Variatäten- und Textsortenverweis);
Quellen und Belege (Dokumentationsverweis)
(vgl. Roelcke 1999, S. 137-138).
 
M. Kammerer teilt die Verweisangaben in Verweisbeziehungsangaben und Verweisadressenangaben. Bei einer Verweisbeziehungsangabe kann es sich beispielsweise um Angaben wie “siehe”, die Abkürzung “s.” oder um einen Pfeil­ oder ein anderes Symbol handeln. Die Verweisadressenangabe ist die Informationseinheit, ein Lexem, ein Syntagma, eine Abbildung etc., auf die verwiesen wird. Mitunter werden Verweisangaben ohne Verweisbeziehungsangaben konstituiert. Zum Beispiel “s.” wird in einem Textverdichtungsprozess getilgt. Ist dies der Fall, so handelt es sich um eine implizite (oder verdichtete) Verweisangabe. Charakteristisch für diese Verweisangaben ist, dass sie vom Wörterbuchmacher im Vorwort zum Wörterbuch eingeführt sind (vgl. Kammerer 1998, S. 145-171)
 
Zusammenfassung
 
Um die Textstruktur in den Fachwörterbüchern zu ermitteln, werden die Makro-, Mikro- und Mediostrukturen analysiert. Die Analyse zeigt, dass die gesamte Textstruktur als Grundlage für den Wörterbuchplan zu berücksichtigen ist. Für die Aufnahme der lexikalischen Einheiten in ein Fachwörterbuch werden zwei erprobte Verfahren vorgeschlagen: eine rein empirische Sammlung und systematische Erfassung. Beide Verfahren wurden bei der Erstellung sowohl des Wirtschaftswörterbuchs Deutsch-Estnisch/Estnisch-Deutsch und des Rechtswörterbuchs Deutsch-Estnisch berücksichtigt.
 
 
 
Literaturverzeichnis
 
DIN (1986): Begriffe der Terminologielehre – Grundbegriffe Bd. 2, Teil 1. Deutsches Institut für Normung. Berlin: Beuth
Kammerer, Matthias (1998): Hypertextualisierung gedruckter Wörterbuchtexte: Verweisstrukturen und Hyperlinks. Eine Analyse anhand des Frühneuhochdeutschen Wörterbuches. In: A. Storrer, B. Harriehausen (Hg.) Hypermedia für Lexikon und Grammatik. Studien zur deutschen Sprache, Bd. 12. Tübingen: Narr
Roelcke, Thorsten (1999): Fachsprachen. In: Werner Besch / Hartmut Steinecke (Hg.) Grundlagen der Germanistik 37. Berlin: Erich Schmidt Verlag
Schlaefer, Michael (2002): Lexikologie und Lexikographie. Eine Einführung am Beispiel deutscher Wörterbücher. In: Werner Besch; Hartmut Steinecke (Hg.) Grundlagen der Germanistik 40. Berlin: Erich Schmidt Verlag
 
Quellenverzeichnis
 
Andresson, Helgi (1986): Majandusteaduse termineid. Tartu: TRÜ trükikoda
Andresson, Helgi (1994): Wirtschaftswörterbuch Deutsch-Estnisch/Estnisch-Deutsch. Tartu: Greif
Andresson, Helgi; Tamm, Virve (1998): Rechtswörterbuch Deutsch-Estnisch. Tartu: Greif