Fachsprachliche / geschäftssprachliche Übersetzungen

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Fachsprachliche/geschäftssprachliche Übersetzungen
 
Vlastimila Ptáčniková: Theorie und Praxis des Übersetzens unter besonderer Berück­sichtigung der Übersetzung deutschsprachiger Fachtexte ins Tschechische. Infothek. Verlag & Literaturwerkstatt, Wien 2008, 118 S ISBN 978-3-902346-35-3
Die vorliegende Publikation leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Diskussion aktueller translatorischer Probleme und Fragen, sondern sie entspricht in vielerlei Hinsicht auch den  Postulaten der Europäischen Kommission:  Das vielsprachige Europa stellt die Schlüsselkom­petenz individuelle Mehrsprachigkeit (Kommunikationsfähigkeit in zwei Sprachen zusätzlich zur Muttersprache) in den Mittelpunkt seiner Sprachenpolitik. Dies bedeutet, dass neben dem zweifellos zunehmend als Lingua Franca fungierenden Englisch auch weitere, insbesondere wenig verbreitete und seltener unterrichtete Sprachen (die sog. „LWULT“- oder „MODIME“-Sprachen), größere Beachtung finden bzw. finden müssen, insonderheit dann, wenn die Län­der, in denen sie gesprochen werden, geografisch benachbart sind und daher auch in ökono­mischer und kultureller Hinsicht intensiver miteinander zu kooperieren haben. Übersetzungen insbesondere fachsprachlicher Texte spielen dabei naturgemäß eine besondere Rolle. Selbst große Konzerne gehen mittlerweile dazu über, ihre Mitarbeiter fachsprachlich  in den Landes­sprachen ihrer Tochter- oder Partnerunternehmen zu unterrichten, und so ist es auch für Füh­rungskräfte in kleinen und mittleren Unternehmen (sog. KMUs) wichtig, die Sprache ihrer Geschäftspartner zumindest ansatzweise zu kennen. Durch mehrsprachiges und kulturell sen­sibles Personal können in vielen Bereichen Kunden erreicht werden, die der Verkehrsspra­chen noch nicht mächtig sind; außerdem erhöht eine fachsprachliche Qualifizierung die Be­schäftigungschancen von Personen mit Migrationshintergrund, deren Zahl in allen Ländern rasch zunimmt.
Die Verfasserin ist sich – wie Einleitung und Schlussbemerkung ihrer Veröffentlichung zei­gen – dieses Kontextes ganz bewusst, auch wenn sie sich selbstverständlich in erster Linie auf die wissenschaftliche Grundlegung ihrer Disziplin und ihre spezifische Zielgruppe konzentriert: Germanisten, Bohemisten, Übersetzer, Studenten der linguistischen Fächer, die professionell mit der tschechischen und der deutschen Sprache befasst sind.  
Gerade Letztere erhalten zunächst in nuce einen aktuellen, auf das Wesentlichste konzentrierten  Einblick in die Geschichte des Übersetzens und Dolmetschens. Dem schließt sich eine Abgrenzung des Begriffs „Übersetzen“ an, bei der sich die Verfasserin der gängigen Meinung anschließt, dass kompetentes Übersetzen nicht auf bloße Ersetzung eines Zeichens durch ein anderes zu reduzieren, sondern als eine spezifische Form des kulturgebundenen sprachlichen Handelns zu begreifen ist. Mit dieser Auffassung korrespondieren die im An­schluss diskutierten Definitionen des Begriffs und dessen handlungsorientierte Charakterisie­rung. Ausführlicher betrachtet werden sodann die mitunter stark differierenden übersetzerischen Auffassungen und deren Implikationen: traditionelle Übersetzungsauffas­sungen, Kode und Kodewechsel, linguistisch-kommunikative Auffassungen, die Frage der Äquivalenz und der Heterovalenz, der hermeneutische Ansatz und schließlich die modernen Übersetzungsauffassungen, denen sich eine ebenfalls etwas recht kurz gefasste Betrachtung der Vorteile, vor allem aber der richtig dargestellten Probleme des maschinellen Übersetzen anschließt, die u.E. in ihrer Pauschalität der gegenwärtigen Entwicklung nur bedingt gerecht werden. Wünschenswert wären hier Hinweise auf die diversen MÜ-Systeme (etwa direkte MÜ, Transfer, Interlingua, EBMT, SBMT, MAMT), vorliegende Programme bzw. Tools (z.B. MemoQ, SDL Trados, Star Transit, Araya, Wordfast, Déjà Vu,across, Visual Loca­lize, EC Systran) und Projekte (beispielsweise Eurotra, Rosetta) gewesen, an denen auch die Karls-Universität Prag (UFAL) beteiligt war und wo Korpora, Taggers und Parsers für Tschechisch entwickelt und an maschineller Übersetzung zwischen Englisch und Tschechisch gearbeitet wurde (s. http://www.lt4el.eu/index.php?content=partners&language=de).  An die­ser Stelle würde sich der Entwickler von Sprachsoftware auch etwa einen Hinweis auf die damit im Zusammenhang stehenden digitalen Korpora, Autorenprogramme, Konkordanzprogramme mit KWIC-Suche (Key Word In Context) bzw. das DDL (Data-Dri­ven Learning) und Web 2.0. –Applikationen für das berufsbezogene Sprachenlernen wün­schen.
Etwas ausführlicher befasst sich die Autorin mit der für die Übersetzungswissenschaft und die Praxis des Übersetzens und Dolmetschens zentralen Frage der Übersetzbarkeit versus Unü­bersetzbarkeit. Dabei werden die diversen und divergenten Auffassungen vorgestellt und dis­kutiert, wobei die prinzipielle Unterscheidung von Sachtextübersetzungen und literarischen Übersetzungen Beachtung findet. Die Autorin moniert in diesem Kontext mit Recht die mitunter gleichmacherische Betrachtung beider Übersetzungsarten und die zu starke Kon­zentration auf das literarische Übersetzen bzw. das Fehlen einer detaillierteren Untersuchung der speziellen Probleme des Fachübersetzens, das charakteristische Merkmale der Fachkom­munikation widerspiegelt. Trotz aller Probleme ist sie der Meinung, dass das Übersetzen in beiden Fällen möglich ist, dass es sich aber beim Übersetzen um einen vielschichtigen Pro­zess handelt, an dem viele Faktoren beteiligt sein müssen, wenn ein möglichst adäquater ziel­sprachlicher Text produziert werden soll. Dass dabei der kommunikative Aspekt eine bedeu­tende Rolle spielen muss, dürfte heutzutage nicht nur im Fremdsprachenunterricht unbestrit­ten sein.
Auf die relevantesten Fragen der fachsprachlichen Übersetzung konzentriert sich Vlastimila Ptáčniková ausführlicher in Kapitel 7 (Fachsprachen und fachsprachliche Übersetzung).  Auch an dieser Stelle vertritt sie moderne Auffassungen, z.B. die, dass die früher oft postu­lierte Kontextunabhängigkeit der fachlichen Termini nicht akzeptabel ist, man das lexikali­sche Material der Fachtexte vielmehr differenziert betrachten muss, etwa wie Kretzenbacher, der allgemeinsprachliche, bildungssprachliche, allgemein-wissenschaftliche Lexeme, Termini und Nomenklaturzeichen unterscheidet.  Dies führt sie bei den Erörterungen zur übersetzerischen Fachkompetenz folgerichtig zu weitergehenden Forderungen, will sagen zu der Betonung der mitunter vernachlässigten Fach- bzw. Sachkompetenz. Letztlich besteht die kreative fachübersetzerische Kompetenz, so die Autorin, aus fachlichen, fachsprachlichen, übersetzungsstrategischen, aber auch interkulturellen Aspekten. Auch unserer Meinung nach geht es sowohl im fachsprachlichen Unterricht als auch bei der Ausbildung von Übersetzern um eine berufsbezogene Sprach- und Handlungskompetenz, die nicht allein auf grammati­scher und lexikalischer Kompetenz aufbaut; sondern die pragmatische Kompetenz bzw. all­gemeine Handlungskompetenz einschließt. An dieser Stelle wäre wieder auf neue Quellen und Hilfsmittel hinzuweisen, die auch für die Übersetzer- und Dolmetscherausbildung rele­vant sein könnten: Web 2- Applikationen, Wikis usw.
 
Die folgenden Kapitel dürften auch für den Spezialisten von großem Interesse sein, weil nun neben den theoretischen Überlegungen zu den Problemen und Methoden der Fachübersetzung auch konkrete, angemessene und überzeugende Beispiele vorwiegend bei der Übersetzung fachsprachlicher Texte  vom Deutschen ins Tschechische und vice versa geboten werden. Da­bei finden wichtige übersetzerische Methoden wie Transposition, Modulation, Substitution und Entlehnung besondere Beachtung. Gleichermaßen interessant und aufschlussreich sind die mit einprägsamen Beispielen untersetzten, z.T. mittels statistischer Untersuchungen fun­dierten konfrontativen Erörterungen zur Übersetzung deutscher Komposita ins Tschechische, zu Übersetzungsschwierigkeiten im deutschen Satz, zur Thema-Rhema-Gliederung, die so­wohl für den Übersetzer als auch den Lerner von großem Nutzen sein werden, da sie modell­haft auf die zu beachtenden Regeln verweisen und die Unterschiede (z.B. Komposition im Deutschen versus Derivation im Tschechischen) und (mitunter partiellen) Gemeinsamkeiten (Thema-Rhema-Gliederung)  beider Sprachen verdeutlichen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die besprochene Publikation nicht nur für die o.g. Zielgruppe nützlich sein wird, sondern auch für europäische Sprachprojekte , die sich die Erarbeitung fachsprachlicher Lehrmaterialien auch für die weniger gesprochenen und unter­richteten Sprachen zum Ziel setzen.
 
 
Prof. Dr. Gerhard Wazel, Institut für Interkulturelle Kommunikation e.V., Johann-Sebastian-Bach-Platz 7, D-91522 Ansbach